Im Verhör: Helmut Wichlatz

„Irgendwas geht immer“ – ein Zitat aus den Joker-Krimis von Helmut Wichlatz – passt an dieser Stelle wie die Faust aufs Auge. Für Joker, Wichlatz´ Protagonisten, kann es noch so schlecht laufen, er zieht sich immer wieder aus dem Schlamassel. Selbst natürlich.

„Irgendwas geht immer“ ist Jokers Lebensmotto. Und wenn ich mir nun vorstelle, im Nebenraum des Verhörzimmers zu stehen und durch den venezianischen Spiegel die Befragung des Tatverdächtigen zu beobachten, dann höre ich Jokers Motto aus dem Munde meines verehrten Autorenkollegen und Freundes Helmut Wichlatz. Er hat sich meinen Ermittlern, den fiktiven Kommissaren Franz Burwitz und Bärbel Krumbiegel aus „Nürnberger Himmelfahrtskommando“ (Anthologie „Schreibaffairen“, erschienen April 2013 bei art&words), mit seiner charmant-frechen Art (er selbst würde sie „bekloppt“ nennen) ein packendes Rededuell geliefert. Man könnte auch sagen: mit seiner unnachahmlichen Art hat sich der Befragte in die Herzen der Ermittler hineingeballert.

Aber lest am besten selbst …

 * * *

Foto WichlatzFranz Burwitz: Herr Wichlatz, in der Schreibtischtäter-Szene waren Sie bislang ein eher unbeschriebenes Blatt. Daher: Erzählen Sie uns zunächst etwas über sich!

Helmut Wichlatz: Naja, Herr Burwitz, was heißt schon unbeschriebenes Blatt?! Sie haben sicherlich schon Sachen von mir gelesen. Aber eben in einer anderen Liga. Ich sage nur „Wirtschaftskriminalität“. Was meinen Sie denn, wer Ihnen all die schönen Sachen jahrelang schmackhaft gemacht hat, für die Sie Ihren Dispo jeden Monat bis an den Anschlag überziehen, na? Genau! Ich und meine nicht weniger skrupellosen Kollegen aus Düsseldorf, Hamburg und sonstwo! Ob Frauenzeitschriften, Energie, Autos, Schnaps oder Klamotten – alles habe ich Ihnen untergejubelt. Jahrelang und mit Erfolg. Natürlich hatte ich auch Grenzen. Denn für Waffen und Zigaretten habe ich nie geworben. Ach ja, wir haben gelebt wie die Wildschweine und gesoffen wie nix Gutes – ich denke gerne daran zurück. Ich habe mehr als eine Gebrauchsanweisung für sündhaft teure Geräte im Vollrausch verfasst. Aber irgendwann war es dann mal gut mit der Wunderwelt der schönen und nutzlosen Sachen. Ich habe mich dem Journalismus zugewandt. Werbetexte gibt´s heute nur noch für ausgewählte Kunden und Produkte. Man muss halt wissen, wann es gut ist. Außerdem kommt mir die Welt der schnellen Nachricht heute näher und ehrlich gesagt: So kann ich viel mehr anrichten, wenn Sie verstehen, was ich meine! Man muss sich ja weiterentwickeln – die Szene ist heute nicht mehr das, was sie mal war. Heute meint jeder Abiturient ohne Leserechtschreibschwäche gleich, er könnte texten. Schauen Sie sich die Scheiße an, die da fabriziert wird – da kann man doch nur noch die Hände über dem Kopf zusammenschlagen und gepflegt kotzen. Verzeihen Sie mir die derbe Ausdrucksweise …

Bärbel Krumbiegel: Es gibt noch keinen Registerauszug von Ihnen, Sie haben noch nicht einmal ein Knöllchen wegen Falschparkens bekommen. Wieso wechseln Sie auf die kriminelle Seite?

Helmut Wichlatz: Ganz ehrlich? Ich habe mich eben nicht erwischen lassen. Was meinen Sie, was alles von mir stammt, obwohl ein anderer Name draufsteht. Sie würden staunen, aber es gibt Geheimnisse, die nehme ich mit ins Grab – Berufsehre, wissen Sie? Schon ganz früh, gleich nach der Uni, habe ich den ersten Roman verbrochen. Und wenn ich „verbrochen“ sage, meine ich das auch so. Ich war jung, wild und unsortiert. Das konnte nur in die Hose gehen. Vielleicht werde ich ihn einmal rausbringen, vielleicht sogar unter meinem echten Namen – jetzt ist es eh egal, finden Sie nicht? Sie haben mich am Schlawittchen und da gibt es auch kein Zurück mehr. Als Journalist und auch schon vorher im freien Fall und als Werbetexter habe ich Dinge erlebt, die Sie mir nie glauben würden. Da war es oft ganz knapp und dass es eigentlich immer ohne nennenswerte Blessuren abgegangen ist, ist meinem Glück und der Tatsache geschuldet, dass ich sonntags geboren bin. Frau Krumbiegel, Sie können mir glauben, wenn ich sage, dass um mich herum die Welt mehr als einmal lichterloh in Flammen stand. Man muss halt Glück haben und eine gehörige Portion Durchhaltewillen. Aber mal ehrlich: So ganz spurlos geht das Leben an keinem vorbei. Und irgendwann habe ich mir gedacht: ehe ich mein hart verdientes Geld zum Seelenklempner schleppe, probier ich es mal auf die literarische Weise. Die Geschichten haben sich aufgestaut und mussten einfach raus, bevor ich Magengeschwüre bekomme. So war die Entwicklung hin zum Krimiautor zwangsläufig und folgerichtig. Und so habe ich Gestalten, die ich kennenlernen durfte oder musste eben ein literarisches Denkmal gesetzt. Wie dem Joker. Klar ist der Typ gemeingefährlich und dazu noch bekloppt – aber hey, jeder hat auch seine menschlichen Seiten. Mit seinem ewigen Mordopfer und Gegenspieler Askim trinke ich regelmäßig Kaffee. Der Mann sieht zwar aus wie ein Henker, schreibt aber wunderbare Gedichte. Meine Geschichten spielen da, wo ich lebe und die meiste Zeit gelebt habe – am Arsch der Welt, in Erkelenz. Und hier ist bei weitem nicht alles Friede, Freude, Eierkraulen, das kann ich Ihnen sagen. Warum der Bezug zur Region, fragen Sie sich? Weil sie es wert ist. Ich möchte nirgendwo sonst leben als hier. Die Menschen hier sind allesamt auf ihre Weise bekloppt, aber haben das Herz und die Leber am rechten Fleck. Und das schätze ich sehr. Sie lassen jeden so sein, wie er ist. Auch mich. Das heißt, dass ich mich hier bestens unsichtbar machen kann, um zum richtigen Zeitpunkt zuzuschlagen.

Bärbel Krumbiegel: Es sind ja überwiegend Regionalkrimis, oder?

Helmut Wichlatz: Sehr gut erkannt, meine Liebe … Wissen Sie, dass Sie wunderschöne Augen haben? Aber ich schweife ab. Natürlich sind es Krimis, die hier verankert sind. Auch „Berger“, mein erster dicker Krimi. Darin geht es um Rache, Gerechtigkeit, Irrsinn und ganz nebenbei um Mord und Totschlag. Wer das Maasland kennenlernen will, braucht keinen Reiseführer – außer dem, den ich mal geschrieben habe (Aber das ist eine andere Geschichte) – er braucht den „Berger“ und ein offenes Herz.

Franz Burwitz: Wie sind Sie bei Ihren ersten „Taten“ vorgegangen?

Helmut Wichlatz: Ich schreibe eigentlich zumeist nach dem Prinzip der kreativen Eruption. Die Geschichten garen und köcheln einige Wochen in meinem Kopf vor sich hin, dann erbreche ich den Anfang auf Papier und warte mal ab, was sich tut. Schließlich will ich ja auch überrascht und beim Schreiben schon gut unterhalten werden. Denken Sie bitte nicht, ich hätte keinen Plan. Der Frühling hat auch jedes Jahr einen Plan, wenn es grünt und schön wird. Daran orientiere ich mich. Es gibt Kollegen, die schreiben nachts oder haben andere Angewohnheiten. Ich schreibe dann, wenn ich denke, dass es an der Zeit ist. Der Anfang vom „Berger“ ist auf einer Sammlung von Bierdeckeln entstanden. Als das zu umständlich wurde, bin ich dann auf Papier umgestiegen. Ein Kollege – dieser Kriminalinski – hat mich mal gefragt, ob ich plotte. Ganz ehrlich: Ich weiß es nicht. Ab und zu schon, aber ich halte mich an meine Plots ebenso flüchtig wie an die Straßenverkehrsordnung. Nach dem Motto „So könnte das, muss aber nicht“. Mit den Ergebnissen bin ich in beiden Fällen meist sehr zufrieden. Die Ideen müssen sich halt lang genug entwickeln. Jetzt gerade schwirren wieder zwei völlig unterschiedliche Themen durch meinen Kopf und ich warte ab, welches zuerst nach draußen drängt.

Franz Burwitz: Was war Ihr bislang größter Coup als Schreibtischtäter? Oder kommt der noch?

Helmut Wichlatz: Ich bin ja noch recht frisch in dem Gewerbe. Meine ersten drei Kurzgeschichten sind im „Tödlichen Selfkant“ erschienen, eine Anthologie meines Kollegen Kurt Lehmkuhl. Sie kamen bei den Lesungen sehr gut an, das Buch ist ausverkauft. Da ist jetzt der Folgeband in Arbeit und demnächst erscheint ein Hörbuch unter dem gleichen Namen, wo ich auch mit zwei Geschichten vertreten bin. Der „Berger“ wird noch in diesem Jahr als Buch vorliegen. Nachdem sich einige Verlage etwas geziert haben, wird es wohl der HKL-Verlag werden. Im Juni erscheint mit „Nachbarn unter sich“ eine zweisprachige deutsch-niederländische Anthologie mit mir als Herausgeber. Derzeit stricke ich aus dem „Joker“, der bislang nur in zwei temporeichen Kurzgeschichten vorliegt, einen Roman mit vielen Facetten und Einblicken ins Bergarbeiter- und Immigrantenmilieu.

Bärbel Krumbiegel: Letzte Frage, Herr Wichlatz: Sie dürfen 3 Bücher mit in die „einsame Zelle“ nehmen. Welche wären das?

Helmut Wichlatz: Oh, das ist eine interessante Frage. Auf jeden Fall etwas von E. T. A. Hoffmann, einem der kreativsten deutschen Schriftsteller, den ich sehr verehre. Dann vielleicht was von Fitzek, der meiner Meinung nach auch gut schreibt. Da das Lesevergnügen aber meist sehr kurz ist, würde ich eher genug Papier und Stifte mitnehmen, um selbst zu schreiben.

Franz Burwitz: Okay, Herr Wichlatz, ich denke, wir haben genug gehört. Das wird für eine Beurteilung als kommendes Schwergewicht der Krimiszene reichen. Ihnen blüht sicher „lebenslänglich“. Todsicher.

Helmut Wichlatz: Das habe ich befürchtet. Aber verlassen Sie sich nicht darauf, dass ich lange bleibe. Wenn es mir zu bunt wird, kommen meine Special Friends und hauen mich raus. Es gibt da draußen zwischen Misthaufen, grüner Grenze und Tagebaubaggerloch einfach noch zu viel zu erleben, um sich vorschnell zu ergeben. Da bitte ich um Ihr Verständnis.

* * *

Kriminalinski:  Wir freuen uns, hoffentlich „lebenslänglich“ spannende Krimis aus der Feder von Helmut Wichlatz lesen zu dürfen. Herzlichen Dank Helmut für dieses Verhör und viel Erfolg mit den nächsten Projekten!

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