Im Verhör: Mechthild Lanfermann

Das letzte Verhör ist schon eine Weile her, dafür ist mir aber jetzt ein ganz besonderer Coup gelungen. Ein ganz edler Fisch ist dabei ins Netz gegangen – Mechthild Lanfermann, eine Cloppenburger Krimiautorin. Nein, eigentlich eine Autorin aus Lastrup, da muss man genau sein. Eigentlich aus Berlin, wenn man es so sieht. Sehr verdächtig … Mechthild sagt selbst über sich, sie sei eine „Autorin aus Niedersachsen“. Ich sage: sie ist eine super Autorin aus Südoldenburg, die bei der Lesung in Cloppenburg ganz viel Family, Friends & Fans u. a. aus Lastrup dabei hatte. Nun kann sich aber wirklich niemand beschweren. Wo ist eigentlich Berlin …? 🙂

ÑEnde Oktober war Mechthild mal wieder in ihrer Heimat, um aus ihrem aktuellen Krimi „Wer ohne Liebe ist“ zu lesen. Da wurde sie von meinem fiktiver Ermittler Hendrik ‚Pommes‘ Willen direkt verhaftet und ins Verhörzimmer geschleppt. Nachfolgend das Protokoll zum Mitlesen. Das Beweisstück ihrer Tat findet sich bei allen gut sortierten Buchhändlern und insbesondere bei Terwelp, dem örtlichen Bücherdealer unseres Vertrauens … Todsicher.

 

Pommes Willen:                     Frau Lanfermann, in der Schreibtischtäter-Szene sind Sie kein unbeschriebenes Blatt. Dennoch: Erzählen Sie uns zunächst etwas über sich!

Mechthild Lanfermann:            Hallo! Mein Name ist Mechthild Lanfermann, ich lebe in Berlin, der tollsten Stadt der Welt, arbeite beim Radio und schreibe Bücher, mache also beruflich mittlerweile nur Sachen, die mir Spaß machen, bin mit einem wunderbaren Mann zusammen und habe zwei großartige Kinder – so sieht meine Sicht auf die Dinge an guten Tagen aus. An schlechten habe ich das Gefühl, wie ein Jongleur viel zu viele Bälle in der Luft halten zu müssen, als Freiberuflerin ohne Netz und doppeltem Boden immer wieder gefordert, mit einem Mann, der zuviel arbeitet und zwei Kindern, die noch ganz schön klein sind und viel Betreuung brauchen und das in einer Stadt, die so verdammt groß ist, dass es immer ewig dauert, bis man irgendwo ist…also irgendwo auf dieser Skala bewegt sich je nach Tagesform mein momentanes Lebensgefühl.

Pommes Willen:                     Ich habe hier einen Registerauszug von Ihnen vorliegen. Danach konnten Ihnen bislang zwei Taten nachgewiesen werden. Wollen Sie sich dazu äußern?

Mechthild Lanfermann:          Ich gestehe, ich werde langsam zur Serientäterin. Ich habe schon immer gerne Krimis gelesen und eines Tages beschlossen, selbst welche zu schreiben. Meine Heldin arbeitet als Journalistin beim Rundfunk, so wie ich. Da war der Focus automatisch auf die politischen und gesellschaftskritischen Themen gelegt. Da gibt es breite Palette an Aspekten: von der Gesetzesvorlage über die persönliche Bereicherung bis zu idealistischen Wünschen und Enttäuschungen. In meinen Krimis fließt wenig Blut, es geht mir eher darum zu zeigen, wie Menschen kriminell werden, wie nah das an unserem scheinbar so gesichertem Leben dran ist und was das alles auf einer tieferen Ebene zeigt – an Lebensenttäuschungen, an längst verdrängtem Schmerz oder auch an stark empfundener Liebe.

Auf Lesungen werde ich immer wieder gefragt, wie ich auf meine Themen komme, das erstaunt mich dann so sehr, die Frage für mich ist eher, wie begrenze ich die Themenwahl? Soviel Ungerechtigkeiten geschehen in unserer Welt, es gibt soviel Leid und Schmerz, soviel versteckte und verdrängte Gefühle, die Ungutes hervorbringen – an Themen, finde ich, mangelt es wahrlich nicht.

Pommes Willen:                     Was ist das Besondere an Ihrer „Masche“?

Mechthild Lanfermann:                     Meine Heldin Emma Vonderwehr ist eine Journalistin beim Radio, so ist der Focus etwas anders als in Krimis, in denen ein Ermittler von der Polizei im Mittelpunkt steht. Manches von Emma steckt vermutlich auch in mir, vielleicht ihre Sicht auf die Dinge. Andererseits ist sie auch ganz anders, sie ist viel mutiger als ich, sie geht oft über ihre Grenzen und nicht selten auch über die anderer. Sie hat einen tiefen seelischen Schmerz, sie fühlt sich schuldig am Tod eines jungen Mädchens und rennt deshalb auch ein wenig vor sich selbst davon.

Pommes Willen:                     Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine „Tat“ planen?

Mechthild Lanfermann:          Ich bin ja von Haus aus Journalistin, da ist klar, dass die Recherche stimmen muss. Bevor ich den ersten Satz schreibe, habe ich schon viel Zeit mit dem Thema verbracht, Bibliotheken und Archive durchstöbert und Fachleuten Löcher in den Bauch gefragt. Wenn es dann losgeht, steht die Geschichte schon relativ detailreich fest. Und dann heißt es, Disziplin zeigen und jeden Tag ran. Eine Woche im Monat arbeite ich in der Regel noch bei Deutschlandradio Kultur, die andere Zeit gehe ich in mein Büro, das ich mir dafür angemietet habe und schreibe – bis es Zeit wird, die Kinder von der Schule zu holen.

Pommes Willen:                     Ist damit zu rechnen, dass Sie zum Wiederholungstäter werden?

Mechthild Lanfermann:          Bei aller Quälerei, die es natürlich auch gibt – ich kann mir nicht vorstellen, das Schreiben wieder aufzugeben. Manchmal macht es auch euphorisch – wenn eine Szene oder ein Gedanke das in sich trägt, was ich sagen möchte, wenn Leser mir erzählen, welche Passage in dem Buch sie besonders berührt hätte, wenn sie mit Emma mitfühlen und mich ausschimpfen, dass ich ihr keine unkomplizierte Liebe gönne – dann erfüllt mich das mit großer Freude und dem Gefühl, über meine Bücher eine Verbindung zu den Menschen aufgenommen zu haben. Solange die Geschichte von Emma noch trägt, solange sie Leser findet und der Verlag mich druckt, werde ich wohl weitermachen…

Der Dritte Band ist übrigens schon in Arbeit und soll nächsten Herbst erscheinen. Emma vertritt dann für ein paar heiße Sommerwochen den Gerichtsreporter von ihrem Sender. Ein junges Mädchen aus der Obdachlosenszene rund um den Alexanderplatz ist getötet worden und Emma glaubt nicht daran, dass der Angeklagte der wahre Mörder ist…

Pommes Willen:                     Für den unwahrscheinlichen Fall, wir würden Sie wieder laufen lassen: Wo gehen Sie uns als nächstes ins Netz?

Mechthild Lanfermann:          Die nächsten Lesungen sind jetzt hier in Berlin, im November in Moabit auf der Langen Buchnacht (15.11.) und in dem Wilmersdorfer  Literatursalon von Maria Herrlich(25.11.), im Januar dann in der Charlottenburger Krimibuchhandlung „Miss Marple“(17.1.) Aktuelle Termine finden sich auf meiner Autorenseite beim Verlag btb oder auf meiner Facebook-Seite.

Pommes Willen:                     Letzte Frage, Frau Lanfermann: Sie dürfen 3 Bücher mit in die „einsame Zelle“ nehmen. Welche wären das?

Mechthild Lanfermann:          Nur 3??? Da muss man mich aber nach dem Wochenende wieder rauslassen…Puh, wo fang ich da an: also aktuell: Meine Entdeckung 2013 war das Buch „Das Ende der Welt, wie wir sie kennen“ von Robert Goolrick und „Tonspuren“ von Elliott Perlman, den lieb ich sowieso, also literarisch gesehen…

Krimitechnisch werde ich den Skandinaviern langsam untreu –abgesehen von Asa Larsson, die muss ich immer sofort haben – und lese gerade gerne südafrikanische Krimis, allen voran Deon Meyer – sehr spannend… Und ehrlich gesagt finde ich es glaubwürdiger, mir einen Sumpf von Korruption und Gewalt in Johannesburg vorzustellen als in einem verschlafenen Nest in Nordschweden…

Ansonsten liebe und verehre ich Alice Munro, die in diesem Jahr wunderbarerweise den Literaturnobelpreis bekommen hat, außerdem die meisten Sachen von Philipp Roth und T.C.Boyle – aber nicht alles, und die Kanadierin Joyce Carol Oates. Unbedingt gehören in diese Reihe auch Richard Yates und Stewart O’Nan… es gibt einfach so viele gute Bücher!

Und da ich auch immer versuche, das Schreiben besser zu lernen, nehme ich auch noch die beiden besten Lehrbücher mit, die ich bisher entdeckt habe, zwei Bücher, die sich eher mit dem Drehbuchschreiben beschäftigen, aber die so luzide über Aufbau, Spannung und Charakter lehren, dass ich sie nie ausleihe, immer in der Nähe habe und von Zeit zu Zeit in ihnen etwas nachlese: Story – von Robert McKee  und The anatomy of story von John Truby, letzeres gibt es bisher leider nur auf Englisch, ich hab mich durchgequält, es lohnt sich.

Ich merke schon – ich brauche doch einen Kindle und Stromanschluss in der Zelle. Allzulang würde ich es da wohl nicht aushalten, auch wenn ich manchmal von so einer klösterlichen Abgeschiedenheit träume, wo niemand etwas von mir will und ich schreiben schreiben schreiben kann…

Pommes Willen:                     Okay, Frau Lanfermann, ich denke, für´s erste haben wir genug gehört. Lassen Sie mich noch eines zum Abschluß sagen: Wenn Sie so weitermachen, blüht Ihnen sicher „lebenslänglich“ …

Kriminalinski:                          Todsicher, blüht ihr das! Und wir alle freuen uns, hoffentlich „lebenslänglich“ spannende Krimis aus der Feder von Mechthild Lanfermann lesen zu dürfen. Herzlichen Dank für dieses Verhör, Mechthild, und viel Erfolg mit deinen nächsten Projekten!