Im Verhör: Kerstin Lange

Mit Kerstin Lange sitzt eine mir sehr liebe Mittäterin im Verhör. Wir sind Komplizen und haben uns schon einige Male für gemeinsame Taten verantworten müssen. Meist im Rhein-Kreis Neuss, vor unserer Haustür, mal im kleineren, mal im größeren Kreise.

Foto (c) Carina Faust

Foto (c) Carina Faust

Kerstin ist eine überaus freundliche Schreibtischtäterin. Sie kann aber auch eiskalt und tödlich sein. Es macht Spaß ihr zuzuhören, wie sie meist mit einem Lächeln im Gesicht ihre teilweise bitterbösen, immer spannenden und hin und wieder auch ironischen Kurzkrimis vorträgt. Herrlich, todsicher!

Aufgrund der regionalen Nähe führen das Verhör die fiktiven Düsseldorfer Kommissare Jo Brunner (KHK) und Frank Nowak (KK) aus „Der Tod der alten Dame“ (auch in der Anthologie „Düsseldorf linksrheinisch“ und in „Todsicher“ bei edition oberkassel erschienen).

Jo Brunner: Frau Lange, in der Schreibtischtäter-Szene sind Sie alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Dennoch: erzählen Sie uns etwas über sich!

Kerstin Lange: Eigentlich bin ich ganz harmlos: Verheiratet, Mutter, Hundebesitzerin und seit zwei Jahren Großmutter, also Oma (bitte nicht Omma!). Bin Im Oberbergischen geboren, habe jahrelang im Sauerland gelebt, bin zurück ins Oberbergische und dann an den Niederrhein gezogen. Das ist meine private Seite. Beruflich bin ich einen ganz geraden Weg gegangen und habe einen kaufmännischen Beruf erlernt. Etwas ganz Solides mit klaren Strukturen und vielen Zahlen. Irgendwann wollte ich etwas tun, bei dem ich das Gefühl habe: „Das ist meins!“. Beim Schreiben kam das Gefühl auf.

Frank Nowak: Die Liste Ihrer „Taten“ ist lang. Wollen Sie nicht reinen Tisch machen?

Kerstin Lange: Angefangen hat alles mit meiner ersten veröffentlichten Kurzgeschichte. „Treffpunkt Gänsemännchenbrunnen“ – eine Auftragsarbeit für die Anthologie „Nürnberger Morde“ (2009). Eine Geschichte, die ich immer noch sehr gerne mag. Das ist nicht bei allen meiner Arbeiten der Fall. (lach) Ich habe mal gezählt: Mittlerweile sind es über 50 Kurzgeschichten, die ich geschrieben habe und die veröffentlicht wurden. Mein erster Kriminalroman folgte 2011 „Schattenspiel in Moll“, 2012 kam das Krimikochbuch: „Aufgetischt und abserviert“. Beide Bücher spielen im Rhein-Kreis Neuss. Mein drittes Buch erscheint im Sommer. Ort der Handlung ist wieder Neuss und Düsseldorf. Darin geht es u.a. um Kunstfälschungen. Aber auch um einen Frauenmörder … und natürlich sind der Journalist Konstantin Degen und die Kommissare Obermeier und Wurm wieder mit von der Partie. 2012 bin auch zum ersten Mal als Mitherausgeberin einer Anthologie tätig geworden. Die Organisatorin und Veranstalterin des Nürnberger Autorentreffs Ursula Schmid-Spreer hatte zum 10. Jahrestag des Treffens eine Ausschreibung ins Leben gerufen. Es gab Vorgaben, die in der Geschichte oder Gedicht verarbeitet werden mussten: Nürnberg, die Zahl 10 und Frühling. Es war eine neue Herausforderung, die viel Spaß gemacht hat. Alle Geschichten lesen (um die 150 waren es), auswählen, welche man letztendlich nimmt. Ursula Schmid-Spreer und ich haben die Geschichten aufgeteilt und getrennt mit den Autoren an ihren Texten gearbeitet. Das schönste Kompliment war für mich eine Dankesmail einer Autorin, mit der ich viel Kontakt hatte. Sie meinte, dass ihre Geschichte durch meine Anmerkungen gewonnen habe, ohne dass ich ihren Stil verändert hätte. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn es zeigt, dass ich es richtig gemacht habe. Das Buch ist jetzt im Handel erschienen: Schreibaffären .

Frank Nowak: Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine „Tat“ planen? Gibt es so etwas wie ein Ritual?

Kerstin Lange: Ja, das ist tatsächlich schwierig und manchmal etwas schizophren. Es gibt Kurzkrimis, die sind im Kopf. Da genügt ein kleiner Impuls und es entwickelt sich eine Geschichte. Natürlich dauert es etwas, bis sie fertig geschrieben ist. Ich bin eine Langsamschreiberin, die absolute Ruhe braucht. Und viel Kaffee! Aber dann gibt es Auftragsarbeiten mit denen stehe ich auf Kriegsfuß Dann muss ich erst einmal Fenster putzen, Wäsche waschen, Staubwischen, Bücher sortieren, Steuererklärung vorbereiten, Sport treiben, Rasen mähen, Unkraut jäten, bevor ich am Schreibtisch sitze – und mir immer noch nichts Gescheites einfällt. Romane sind anders. Bei denen entwickele ich die Figuren und einen groben Plot und beginne zu schreiben. In der Zeit sind mir meine Fenster ziemlich egal, und der Garten mutiert zum Urwald. Die Figuren leben mit mir, begleiten mich (fast) 24 Stunden. Beim Einkaufen denke ich, was würde xy nun kaufen, um mal ein Beispiel zu nennen. Wenn die Geschichte steht, überarbeite ich sie und gebe sie meinen Testlesern. Ihr Urteil ist mir sehr wichtig. Ich bin ja völlig betriebsblind und auf das Urteil von außen angewiesen. (lach) Und dann wird wieder überarbeitet …

Jo Brunner: Haben Sie andere Täter als Vorbild?

Kerstin Lange: Ich mag immer noch Agatha Christie. Sie war mein erster Kontakt zur kriminellen Welt. Das prägt. Und Hakan Nesser, Henning Mankell, Tana French, Fred Vargas, Gisa Klönne, Jutta Profijt, Elisabeth George, Martha Grimes. Ich mag psychologisch gut entwickelte Figuren, deren Handlungen nachvollziehbar sind. Ich finde, das beherrschen diese Autoren perfekt.

Jo Brunner: Was war Ihr bislang größter Coup als Schreibtischtäter? Oder kommt der noch?

Kerstin Lange: Meine bislang erfolgreichster Kurzkrimi ist „Anders-artig“. Mit ihm habe ich einen Literaturpreis gewonnen. Die Frauenzeitschrift „Maxi“ und die S. Fischer-Verlage hatten 2012 einen Wettbewerb mit dem Motto „Schöner Schein“ ausgeschrieben. „Anders-artig“ wurde aus mehr als 1000 Zuschriften als Sieger gekürt. In der Geschichte geht es um eine Frau, die als Kind schon anders war. Sie sagt Oma statt Omma. Wer mehr lesen will: Anders-artig . Das hat etwas Autobiographisches! (lach) Der Preis war ein Wochenende in einem 5-Sterne Hotel in Dublin, inkl. Flug und Abendessen. Das war eine tolle Bestätigung für mein Schreiben. Dann natürlich wird man auch immer wieder mit Absagen konfrontiert – das sollte man nicht verschweigen.

Frank Nowak: Wie hat sich Ihr Leben verändert, seit Sie Schreibtischtäterin sind?

Kerstin Lange: Die Nachbarn schauen mich etwas merkwürdig an. Und die Frau an der Fleischtheke ist besonders freundlich und zuvorkommend zu mir. (lach) Nein, mein Leben hat sich nicht sehr verändert. Wenn sich etwas verändert hat, dann bin ich es. Wer weiß, wo es noch hinführt!

Jo Brunner: Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie zu Unrecht hier sitzen und wieder frei kämen: Wo würden Sie uns als nächsten wieder über den Weg laufen, Frau Lange?

Kerstin Lange: Die nächste Lesung ist am 18.04. in Bern. „Henkersmahlzeit“ ist das Motto und gemeinsam mit drei anderen KollegInnen der Krimiszene  lese ich im Rahmen der „Criminale“. Alle Termine für Lesungen kann man auf meiner Homepage nachlesen: www.kerstinlange.com

Jo Brunner: Okay, Frau Lange, ich denke, wir haben genug gehört. Das wird für eine Beurteilung als „Patin“ in der Krimiszene reichen. Ihnen blüht sicher „lebenslänglich“. Todsicher.

* * *

Kriminalinski:  Der Meinung bin ich auch! Wir alle freuen uns, hoffentlich „lebenslänglich“ spannende Krimis aus der Feder von Kerstin Lange lesen zu dürfen. Herzlichen Dank für dieses Verhör liebe Kerstin und viel Erfolg mit deinen nächsten Projekten!

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s